Die meisten deutschen Motorradfahrer, die Richtung Süden aufbrechen, fahren in die Pyrenäen. Oder nach Provence. Oder in den Vercors. Das sind Gegenden, die man kennt — aus dem ADAC-Magazin, aus dem Forum, vom Kumpel, der letztes Jahr da war. Das Aveyron kennen die wenigsten. Und genau das ist der Grund, warum es so gut ist.
Das Aveyron liegt im südlichen Zentralmassiv, etwa drei Fahrstunden nördlich der Pyrenäen und zwei Stunden westlich des Vercors. Millau ist die größte Stadt — bekannt durch das gleichnamige Viadukt, aber von Motorradfahrern noch kaum erschlossen. Wer hier eine Woche verbringt, hat Strecken gefahren, die er zu Hause niemandem verrät. Nicht aus Egoismus, sondern weil man Angst hat, dass es sich herumspricht.
Aveyron oder Pyrenäen — was ist besser?
Eine faire Frage. Die Pyrenäen sind nicht umsonst beliebt: Col du Tourmalet, Col d'Aubisque, Col de la Pierre Saint-Martin — echte Pässe, echte Aussichten, echte Motorradgefühle. Aber sie sind auch bekannt. An einem Samstagmorgen im August teilt man sie mit Tausenden anderen Fahrern, Wohnmobilen und Rennradfahrern.
Das Aveyron bietet einen anderen Charakter: keine Hochgebirgspässe, aber dafür Schluchten, die so tief und dramatisch sind wie alles, was die Pyrenäen zeigen — und auf denen man im Juli oft als Einziger unterwegs ist. Der Verkehr ist ein Bruchteil. Die Ortschaften haben kein Tourismus-Rummel. Und die Asphaltqualität ist auf den Departementstraßen, die niemand benutzt, erstaunlich gut.
| Kriterium | Pyrenäen | Aveyron |
|---|---|---|
| Streckencharakter | Hochgebirgspässe | Schluchten + Causses |
| Verkehr im Sommer | Hoch (Pässe bekannt) | Sehr gering |
| Anfahrt aus D/CH/A | 800–1100 km | 600–900 km |
| Abwechslung pro Tag | Hauptsächlich Berge | Schlucht + Plateau + Dorf |
| Motorradgaragen-Hotels | Gut erschlossen | Selten — wir haben eine |
| Preise | Touristisch | Günstiger |
Das Aveyron ist kein Ersatz für die Pyrenäen — es ist eine andere Art von Motorradurlaub. Wer Pässe auf 2400 Meter will, fährt in die Pyrenäen. Wer leere Kurven, unbekannte Schluchtstraßen und Abende in echten Dorfrestaurants will, fährt ins Aveyron.
Die vier Strecken ab Millau
Millau liegt strategisch ideal: Am Zusammenfluss von Tarn und Dourbie, von hier aus erreicht man alle relevanten Strecken in unter 30 Minuten. Man muss nicht täglich das Hotel wechseln.
Gorges du Tarn (D907, Millau → Sainte-Énimie): Die Pflichtroute. Rund 60 Kilometer zwischen 400 Meter hohen Kalkfelswänden, der Tarn weit unten, Blindkurven, winzige Brücken, Dörfer die man kaum sieht bevor man schon durch ist. Das Tempo erzwingt sich selbst — die Straße ist stellenweise schmal. Früh morgens oder im September fahren, wenn der Qualm aus den Campingplätzen noch nicht aufgestiegen ist. Hin und zurück mit Pausen: 4–5 Stunden.
Gorges de la Dourbie (D991, Millau → Nant): Weniger bekannt, ruhiger, genauso gut. Das Tal ist ähnlich dramatisch wie der Tarn, sieht aber kaum Durchgangsverkehr. Diese Strecke ist das, was man anderen Motorradfahrern nicht erzählt. Zusammen mit den Tarn-Schluchten ergibt sich eine Ganztagesschleife, die viele als die beste bezeichnen, die sie je in Europa gefahren haben.
Causse du Larzac (Richtung La Couvertoirade): Kompletter Gegensatz zu den Schluchten. Das Larzac-Plateau öffnet sich zur weiten Kalksteinlandschaft: flache Horizonte, Trockenmauern, Lacaune-Schafe, vereinzelt ein mittelalterliches Templerdorf. Lange Geraden, sehr wenig Verkehr, eine Stille, die man so nah an einer Autobahn selten findet. Ideal als Abschluss nach einem Morgen in den Schluchten.
Die Viadukt-Schleife (Peyre + Belvédère Nord): Kurz — etwa eine Stunde — aber eindrücklich. Vom Talboden aus fährt man unter den Pfeilern des Viadukts hindurch ins Felskletterdorf Peyre, dann den Anstieg zum Belvédère Nord hinauf für das volle Panorama. Der Wechsel zwischen dem Fahren im Schatten der enormen Träger unten und dem Blick von oben auf das Bauwerk oben — das ist etwas, über das man nach der Rückkehr noch Wochen redet.
Das Aveyron als Zwischenstopp auf dem Weg nach Süden
Wer aus Deutschland, der Schweiz oder Österreich in Richtung Mittelmeer fährt, hat eine Entscheidung zu treffen: direkt durch oder einen Tag dazwischenlegen? Das Aveyron liegt auf der Route — Millau ist von Frankfurt etwa 9 Stunden entfernt, von München 8, von Wien 11. Wer in Millau übernachtet, hat am nächsten Morgen die Gorges du Tarn noch vor dem Frühstück und erreicht die Côte d'Azur oder die Pyrenäen ausgeruht am Nachmittag.
Viele Fahrer, die das so geplant haben, bleiben zwei Nächte. Manchmal drei.
Motorradgarage im Hôtel des Causses
Wir haben einen privaten abgeschlossenen Motorradstellplatz, reservierbar für 5 € pro Nacht. In Millau sind gut gesicherte Garagen für Motorräder selten — die meisten Hotels haben nur offene Parkplätze. Wenn man nach einem langen Tag in den Schluchten weiß, dass die Maschine trocken und abgeschlossen steht, ändert das den Abend. Bitte beim Buchen angeben.
Abends serviert das Restaurant La Chaleur Nordique eine Küche aus Aveyron-Produkten mit nordischen Einflüssen — Sami und Tita, die Inhaber, kommen beide aus Finnland und kochen, was ihnen bedeutet: langsam geschmorte Fleischgerichte, heiß geräucherter Lachs, Pilzpasta mit Pfifferlingen. Erste Tischzeit 19 Uhr, letzter Einlass 20:15 Uhr.
Praktische Infos für Motorradfahrer aus D/A/CH
Anreise: Keine Maut in Frankreich auf Nationalstraßen. Autobahn zur A75 kostenpflichtig bis Clermont-Ferrand, dann Abfahrt Millau über kostenlose N9 möglich.
Motorradstellplatz: Reservierung beim Buchen angeben · 5 €/Nacht · abgeschlossen
Kraftstoff: Tankstellen in Millau-Mitte · nächste Optionen Séverac-d'Aveyron oder Saint-Affrique
Beste Monate: Mai–Juni und September. August funktioniert, aber auf den Causses heiß; Tarn-Schlucht mittags in der Hochsaison meiden.
Karte: IGN Top 100 Nr. 58 Rodez–Millau deckt alle Strecken ab.
Abgeschlossener Motorradstellplatz, 18 klimatisierte Zimmer, Restaurant jeden Abend. Millau liegt auf dem Weg — oder ist das Ziel.